Thief: Comeback des Meisterdiebs Bild: Square Enix

Test

Thief: Comeback des Meisterdiebs

Zehn Jahre sind seit dem letzten Thief-Ableger vergangen. Mit einem Reboot will Square Enix nun zeigen, wer der Meister im Stealth-Genre ist. Ob’s gelingt, verrät unser Test.
Der Thief-Protagonist Garrett ist dem virtuellen Schleicher als Meisterdieb bekannt. Den Titel hat er sich verdient, mit den Ablegern Dark Project, Dark Project 2 und Thief: Deadly Shadows. Nun will der Langfinger mit Pauken und Trompeten zurückkehren und die neue Konsolengeneration mit dem Serien-Reboot Thief frohlocken lassen – oder sollte man ihm seinen Meistertitel doch lieber aberkennen?


Koma ohne Folgen

Gleich zu Beginn gewährt die Handlung der Nebenfigur Erin erstaunlich viel Aufmerksamkeit. Garretts frühere Einbrecher-Auszubildende ist gewissermaßen als Kontrastprogramm zum Protagonisten zu verstehen. Er: erfahren, vorsichtig - ein Meister seines Fachs. Sie: aufbrausend, draufgängerisch, mordend – unsympathisch. Die gravierenden Unterschiede zwischen den Beiden sorgen erst mal für ordentlich Zündstoff, als Langfinger und Langfingerin bei Bösewicht Baron Northcrest einsteigen, um den sogenannten Urkraftstein zu stehlen. Das gefällt. Auf der anderen Seite ist die Dame doch einen Tick zu unsympathisch gezeichnet, als dass ihr plötzlicher Tod beim Spieler mehr als nur ein Gähnen auslösen könnte.

Garrett nimmt die Möchtegern-Tragödie wiederum dermaßen mit, dass er ein ganzes Jahr im Koma liegt. Als er wieder aufwacht, hat sich der simpel als The City titulierte Schauplatz in eine Diktatur samt Nazisymbolik verwandelt. Wie konnte das passieren? Und warum war Garrett so lange abwesend? Statt die Situation ordentlich zu dramatisieren, klaut Garrett nach 12 Monaten geistiger Umnachtung einfach weiter als wäre er nie weg gewesen. Spätestens jetzt wird klar: Der Charakter des Meisterdiebs hat an Tiefgang eingebüßt.


Leblose Stadt

Entwickler Eidos Montreal hat mit Deus Ex: Human Revolution bereits bewiesen, dass sich Spirit des Originals und neue Elemente mit genug Fingerspitzengefühl unter einen Hut bringen lassen. Ein zweites Mal ist ihnen das komischerweise nicht ganz gelungen. Aber: Thief spielt sich geschmeidig und bietet einen schönen Spielfluss ohne frustrierende Stellen. Es macht Laune, Wände hinaufzukraxeln, über Dächer zu huschen und in Häuser einzusteigen, und außerdem alles mitgehen zu lassen, was nicht angewachsen ist, um den Kram anschließend zu verhökern. Mit der ergaunerten Kohle lassen sich anschließend neue Gadgets wie ein Messer zum Heraustrennen von Bildern oder einen Schraubendreher zum Öffnen verschlossener Luken besorgen. Was den nächtlichen Streifzügen neben langer Ladezeiten jedoch etwas den Reiz nimmt: Es ist irgendwie nichts los in The City. Zu viele Häuser stehen leer und lassen sich nicht betreten, zu wenig Passanten flanieren durch die Gassen. Und auch wenn er im Schatten ist: Die Wachen sehen Garrett nicht mal, wenn er in wenigen Metern Entfernung vor ihnen herumhampelt.


Garrett – Nicht mehr der Alte

Die Fans schätzten Garrett bislang immer für seine Kompromisslosigkeit. Die alten Thief-Teile setzten auf eine relativ frei begehbare Spielwelt. Mit wenigen Erklärungen, dafür umso mehr Authentizität. Unterschiedliche Bodenbelege verursachten unterschiedliche Geräusche. Das tun sie in Thief nicht mehr. Die Soundkulisse war für die Atmosphäre essentiell, und ist das nun nicht mehr. Sie wirkt schlicht leblos – was immerhin zur leblosen Stadt passt – und auch sonst wird das, was da aus den Boxen schallt, der Reihe nicht gerecht. Lippensynchronität ist auch mit viel Wohlwollen nicht zu erkennen und die NPCs sondern teils völlig unpassenden Unfug ab. Dabei sind die deutschen Sprecher an sich wirklich gut. Bleibt zu hoffen, dass Eidos Montreal hier noch per Patch nachbessert. Grafisch gibt’s angenehm wenig auszusetzen. Die viktorianischen Gemäuer bilden den perfekten Rahmen für das Spielkonzept. Die eine oder andere schwache Textur – geschenkt.


Fazit

Unterm Strich hinterlässt Thief einen gemischten Eindruck. Das Game hat zweifellos starke Momente. Immer dann, wenn das Spiel vom herkömmlichen Missionsschema abweicht und der Spieler sich die Kombination des zu knackenden Safes mühsam selbst zusammenschustern muss, erinnert das an die alten Thief-Tage. Dann macht das Abenteuer trotz technischer und dramaturgischer Aussetzer richtig Spaß. Oft aber weiß Thief nicht so recht, in welches Genre es gehört. Eidos Montreal wollte es allen recht machen und stellt deshalb niemanden so richtig zufrieden. Beim nächsten Mal eine genauere Richtung – dann kriegt Garrett auch seinen Meistertitel von uns zurück.



Details

  • Titel: Thief
  • System: PC, PS3, Xbox 360
  • Genre: Action-Adventure
  • USK: Ab 16 Jahren
  • Spieler: 1
  • Release: 28.02.2014
Artikel bewerten
(2 Stimmen)
Dieser Beitrag stammt von Stefan und dem entertainweb-Team